Energiepark Morgental (SG/TG)

Die Kläranlage wird zum Kraftwerk

In den vergangenen drei Jahren mauserte sich die Kläranlage in Steinach (SG) am Bodensee zum «Energiepark Morgental». Er gilt als Leuchtturmprojekt mit nationaler Ausstrahlung.  

Roland Boller ist Ingenieur, gleichzeitig aber auch geschickter Marketingstratege. «Tue Gutes und sprich darüber» – dieses Motto wendet er seit einigen Jahren erfolgreich an, um Investoren zu finden und seine Ideen zu verkaufen. Dabei ist Boller Geschäftsführer der Kläranlage Morgental, sein Rohstoff in erster Linie das Abwasser, das die Menschen über die Toiletten entsorgen. Doch Boller ist einer, der den Blick über den Tellerrand wagt. So zog er neben dem Abwasser auch weitere regionale verwertbare Abfallstoffe sowie Fragen rund um den regionalen Gewässerschutz in seine Idee mit ein. Damit, meinte er, liessen sich zusammen mit den Investoren Synergien schaffen, die allen zugute kämen. Für den Ingenieur existieren Begriffe wie Abwasser und Abfall nicht. Für ihn sind das Wertstoffe, die sich in ein begehrtes Produkt umwandeln lassen – in erneuerbare Energie.   Ein Produkt, das sich auf dem Markt durchsetzen kann, ein beharrlicher Geschäftsführer sowie weitsichtige Gremien, welche die Vision unterstützten: Diese Kombination führte dazu, dass sich die Kläranlage Morgental schrittweise zum Energiepark weiterentwickelte, der unter Fachleuten als Leuchtturmprojekt von nationaler Ausstrahlung gilt. Hier werden Klärgas, Abwasser, Altholz, Sonne und Wind zur Strom- und Wärmegewinnung genutzt. 60 Millionen Franken werden in den Energiepark investiert, jährlich sollen neun Millionen Kilowattstunden erneuerbarer Strom und 15 Millionen Kilowattstunden erneuerbare Wärme erzeugt werden – weit mehr, als die Kläranlage selbst verbraucht. Durch zusätzliches Energiesparen und Steigerung der Gasproduktion mutierte die Kläranlage vom Stromfresser zum Kraftwerk.     

Acht Verbandsgemeinden  

Die Kläranlage Morgental befindet sich im sankt-gallischen Steinach. Seit der Inbetriebnahme 1973 sammelt und reinigt sie die Abwässer von acht Gemeinden: Arbon, Egnach, Horn und Roggwil auf Thurgauer Seite sowie Berg, Mörschwil, Steinach und Tübach im Kanton St. Gallen. Das gereinigte Abwasser wird über eine 1270 Meter lange Seeleitung in den Bodensee eingeleitet. Für den Betrieb der Anlage ist der Abwasserverband Morgental zuständig. In der Betriebskommission sind alle acht Verbandsgemeinden vertreten. Dort ist man heute stolz auf das Vorzeigeprojekt und zollt der Rolle von Roland Boller als Initiant und Motor des Energieparks Respekt: «Er hat Vorträge gehalten, Anlagebesichtigungen durchgeführt und Investoren gesucht», sagt Kommissionspräsident Andreas Balg, der auch als Stadtpräsident von Arbon amtet. «Wichtig ist aber vor allem, dass er seine Versprechen gehalten hat.» Heute sei der Verband gut aufgestellt, und die Einnahmen aus der Abwasserreinigungsanlage würden helfen, die für die Erzeugung erneuerbarer Energie getätigten Mehrinvestitionen zu decken.   

Energiepotenzial der Kläranlage  

Vor rund sieben Jahren standen bei der Kläranlage diverse Sanierungsarbeiten an. Weil das «daily business» – also die Reinigung des Abwassers und die Einhaltung des Gewässerschutzes – gut funktionierte, konnte es sich Boller erlauben, weiterreichende Fragen anzupacken: Welches Energiepotenzial steckt in einer Kläranlage? Was kann sie beitragen, um den von der Politik formulierten Energiefahrplan einzuhalten? Grundsätzlich kann jede Kläranlage Energie und Wärme aus Klärgas und Abwasser gewinnen. Der Abwasserverband Morgental beschloss, Kapazitätsreserven in der Schlammfaulung zu nutzen, die Energieproduktion durch CO-Vergärung sowie technische Verbesserungen zu optimieren und gleichzeitig den Stromverbrauch zu senken. Darüber hinaus sollte der gesamte Fächer der erneuerbaren Energien geöffnet werden. Entscheidend für die Realisierung des Energieparks war, dass der Abwasserverband über ungenutzte Landreserven verfügte. Auf dem 51'000 Quadratmeter grossen Grundstück sind nicht nur die Bauvorhaben im Rahmen des Energieparks, sondern auch die künftige Erweiterung der Kläranlage möglich.   

Energiedienstleister als Contractor  

Der erste Schritt hin zum Energiepark war der Bau der neuen Energiezentrale, die Ende 2012 fertiggestellt wurde. Hier wird Klärgas über vier Gasturbinen in Strom umgewandelt. Zudem nutzen Wärmepumpen die Abwärme aus dem Abwasser der ARA. Der Abwasserverband holte dafür den Nordwestschweizer Energiedienstleister EBM als Contractor ins Boot. Auch beim Ausbau des Wärmeverbundnetzes, seit 2011 im Gang, tritt die EBM als Contractor auf. Das Netz soll im Endausbau Bezüger in Steinach, Arbon und Umgebung mit Heizwärme und Warmwasser versorgen. Zudem realisierte die EBM auf dem ARA-Areal eine Holzfeuerungsanlage. Seit diesem Jahr werden dort jährlich bis zu 6000 Tonnen vorsortiertes Abbruchholz verfeuert; die Leistung des Holzkessels beträgt 2,4 Megawatt. Die Wärme wird in den Wärmeverbund eingespeist. Zusammen mit der Abwasserwärme und der Überschusswärme der Kläranlage kann der Wärmebedarf zu 84 Prozent mit erneuerbaren Energieträgern gedeckt werden. Für die Spitzenlast wird Heizöl verwendet.   Ein weiterer wichtiger Partner des Energieparks ist die Stadt St. Gallen. Seit 2013 leitet sie das gereinigte Abwasser der ARA Hofen durch eine Druckleitung zur 190 Meter tiefer gelegenen ARA Morgental. Dort wird es in einem Abwasserkraftwerk zur Stromgewinnung turbiniert und die Restwärme genutzt, bevor es in den Bodensee geleitet wird. Die jährliche Stromproduktion beträgt vier Gigawattstunden.   

Gewinn durch Partnerschaften  

Für Boller ist klar, dass es für grosse Investitionen, wie sie im Fall des Energieparks getätigt werden, Partner braucht. «Partnerschaften eingehen heisst, Risiken zu minimieren, das erforderliche Know-how bei Fachunternehmen abzuholen und für die Kläranlage trotzdem eine Win-Situation durch Wärmeverkauf, Baurechtszinsen, Betriebsunterstützung und Direktbeteiligungen an gemeinsam genutzten Infrastrukturanlagen zu generieren.» Die Kläranlage erwirtschaftet mit dem Energiepark einen jährlichen Kostendeckungsbeitrag von schätzungsweise 450'000 Franken – ohne dabei das Risiko des Strom- und Wärmehandels selbst tragen zu müssen.  

Sonne und Wind nutzen  

Im Energiepark Morgental wird auch die Kraft der Sonne genutzt. Auf den Dachflächen der Energie- sowie der Holwärmezentrale wurden Photovoltaikanlagen montiert. Diese verfügen über eine Modulfläche von 1300 Quadratmetern und eine Leistung von rund 0,2 Gigawatt. Auch eine Windturbine ist in Betrieb, deren Stromproduktion mit jährlich 10‘000 Wattstunden allerdings verschwindend klein. «Wir betreiben die Turbine vor allem für Schulungszwecke», sagt Boller.   Neben all den Erfolgen musste der Abwasserverband kürzlich auch eine Niederlage einstecken: Die geplante Biogasanlage kommt vorerst nicht zustande. Die EKT Energie Thurgau hat sich Anfang Jahr aus dem Projekt zurückgezogen. Boller kann damit leben, dass die Anlage nicht realisiert wird, hätte sie aber als «Teil des Ganzen» begrüsst.  

E-Bikes an Ökostrom-Tankstelle aufladen  

Nun möchten sich Boller und der Abwasserverband wieder vermehrt auf ihre Kernaufgabe konzentrieren. Was nicht heisst, dass dem Geschäftsführer die Ideen ausgehen. So schwebt ihm bereits eine Ökostrom-Tankstelle neben der ARA vor. Die Besucher des benachbarten Sportplatzes sollen dort dereinst ihre E-Bikes aufladen - mit Strom aus der Kläranlage.

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Energiepark Morgental
 
 

Kontakt

Roland Boller Abwasserverband Morgental
Bleichestr. 45
Postfach 140
9323 Steinach
Tel. 071 447 12 80
E-Mail

 
 

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Zahlen und Fakten

  • Produktion erneuerbare Energie: 9 Mio. kWh Strom; 15 Mio. kWh Wärme 
    Mit der am Standort ARA Morgental produzierten Energie können bis zu 4000 Haushaltungen oder 15'000 Einwohner mit Strom und Wärme versorgt werden.